CHERRY-PICKING SHAKESPEARE – Perlen für die Königin

Elisabeth I., Königin von England, feiert ihren ca. 66. Geburstag – grantig: Wer wird schon gern älter. Wenigstens gibt es Geschenke und ein Geschenk fehlt überhaupt noch. Sir Archibald, einstiger Liebhaber – heute eher ein Weinfass – enthüllt eine große runde Kirschtorte. Unter dem Zuckerguss verbirgt er jedoch den alten Sündenpfuhl: das Globe-Theatre „en miniature“.

Seine Schauspieler saufen und raufen nicht, sie wollen nur spielen.Falstaff

Zierliche Stabmarionetten mit markanten Gesichtern stellen sich augenzwinkernd und doch leidenschaftlich den großen Szenen aus beliebten Shakespearedramen. Kirschen picken in England, das ist wie Rosinen picken in Deutschland: Othello leidet an seiner Eifersucht, Romeo und Julia sind nicht zu bremsen, Macbeth erhebt sein blutiges Schwert, Ureinwohner Caliban trickst den weißen Säufer aus, ein Esel singt und träumt im Wald, und Falstaff und sein Saufkumpan Prinz Henry IV. bilden den vergnügten Schluss der kleinen Szenen. Irritiert und doch auch ausgesprochen amüsiert kommentiert Elisabeth I. die Szenen, stolz auf ihr Elisabethanisches Zeitalter. Und Archibald? Er möchte ein Herz gewinnen: „Mylady, wenn Ihr nicht ins Globe kommt, kommt das Globe eben zu Euch.“

Regie:                                                  Dietmar Staskowiak

Spiel:                                                   Silke Technau, Stephan Schlafke

Figurenbau Elizabeth I. :                     Mechtild Nienaber

Figurenbau Marionetten :                   Jürgen Maaßen

Figuren/Bühnenbau:                           G. Seiler, M. Benecke, I. Woitke, St. Schlafke,

                                                           D. Puri, S. Technau, Th. Rump

Spielerkostüme:                                  Denise Puri

Fotos:                                                  Stephan Schlafke, Karin Lubowski

Shakespeare, Retter in Corona-Zeiten – auf dem Weg zu einer Inszenierung / März 2020

Elisabeth I und Silke TechnauAufführungsabsagen, Ausgangs-Einschränkungen? Was ist das denn? Zuhause sein? Homeoffice für Theaterleute, wie soll das denn gehen? Kein Publikum, keine Aufführungen! Zuhause sein???  

Letzten Herbst bot uns Gerhard ‚Toni’ Seiler seine Inszenierung Shakespeare in Eile an –  allerlei Shakespeareszenen, gespielt mit kleinen Stabmarionetten, die Jürgen Maaßen geschnitzt hatte, und mit der lebensgroßen Elisabeth I. aus der Nadel von Mechtild Nienaber. Nie gesehen! Viel gehört! Kleine Stabmarionetten? Nie wirklich ausprobiert! Maaßen und Nienaber, eine wilde Mischung? Wir sagen unbesehen zu. 

Elisabeth I. ist lebensgroß und nicht mehr jung: Sie bekommt einzelne Shakespeareszenen als Geburtstagsgeschenk von ihrem Verehrer Sir Archibald. Das Globe-Theater, das sie in Wirklichkeit nie betreten hat, weil es in einem sehr verrufenen Viertel Londons lag, kommt in Form einer großen Geburtstagstorte eben zu ihr. Toni, als charmanter Sir Archibald und Elisabeth’s Verflossener, spielt für seine Königin mit den kleinen Marionetten augenzwinkernd bekannte und unbekannte, freche, böse, traurige und romantische Szenen; dazwischen sind immer wieder Gespräche mit der Queen (natürlich auch von Toni gespielt), die gerne einen Pudel auf der Bühne hätte, sich amüsieren will und droht, bei Langeweile Köpfe rollen zu lassen. 

Anfang März sehen wir Tonis letzte Aufführung, schwatzen ihm noch sein herrliches Spielerkostüm ab, weil es Silke erstaunlicherweise passt, und verfrachten Stück, Puppen, Literatur, Torte, Tonis Wehmut und freudige Neugier Richtung Lübeck. 

Und dann nix mehr … s.o.

Existenzstress, Telefonate, Videokonferenzen, Umfragen … Stephan im Homeoffice! 

Zuhause bleiben? Hmmm! Etwa nach Herzenslust?? 

Und plötzlich Trotz! Dann eben Shakespeare lesen! Trotz! Wollte ich schon immer mal! Trotz! Die Stücke aus der Bühnentorte! Und noch ein paar mehr! Trotz! 

Wir tauchen ein in eine andere Zeit, recherchieren Inszenierungen, Filme über Shakespeare, Musik, Biografien. Schon meldet sich temperamentvoll die Queen Elisabeth I.; an der kommen wir wohl gar nicht vorbei. Sie hat Shakespeare geschätzt, bei Hofe auftreten lassen, seinem Ensemble gute Arbeit ermöglicht. Wer war sie? 

Silke wühlt in Kommentaren, Essays, wir bekommen einen Eindruck von Shakespeares ungeheuerlicher Sprache (Othello hatten wir ja schon mal inszeniert, aber jetzt diese Orgie?!), die immer wieder provoziert und inspiriert hat. Seine Figuren sind plastisch, poetisch und wahnsinnig emotional. Immer geht es mindestens um Leben und Tod.  

Die kleinen Stabmarionetten warten geduldig, bis Silke soweit ist: Wir können Tonis Solostück ja zu zweit spielen, wenn wir hier und da ergänzen, erweitern, zuspitzen, ein Lied einfügen … Elisabeth, ihr Narr, Sir Archibald und 17 kleine Marionetten. 

Silke schreibt Monologe, Dialoge, sucht aus den Übersetzungen die besten Texte für die Marionetten heraus, lässt Jürgen Maaßen, den alten Fritz-Kortner-Fan, noch über einen Shylock nachdenken, beauftragt auch einen wunderschönen Romeo für Julia – der fehlte irgendwie. Wir Puppenspieler freuen uns aufs Spielen mit den kleinen, feinen Burschen und Mädels. Werden sie das Globe-Theater in der Torte respektieren oder, wie Puck, gleich über die Sahne fliegen? Wird Romeo nach einem Balkon in der Torte fahnden? Wird der bucklige Richard III. auf einem Pudel bestehen: „Dass Hunde bellen, hink ich wo vorbei!“? Der dicke Falstaff flucht schon mal. 

Licht und Musik müssen die aufregenden Texte zu unterstützen! 

Im Dezember soll das Stück fertig sein. Wann und wo werden wir es dann spielen …? 

Silke Technau

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